Leitfaden Offene Pädagogik

Ein Blick auf die Geschichte der Pädagogik zeigt, dass Gedanken der Reformpädagogen speziell von Pestallozzi und Fröbel, aus dem 18. Jahrhundert durchaus noch aktuell sind. Schon damals ging es Ihnen darum, das Kind zu einem selbständigen, selbst denkenden Menschen zu erziehen.

Die Gedanken wurden von Maria Montessori am Anfang des 20. Jahrhunderts aufgegriffen, die diesen die Bedeutung der größtmöglichen Freiheit auf dem Entwicklungsweg eines jeden Kindes hinzufügte, sowie die dafür bedeutende Selbstbestimmung, so dass die folgende Aussage eines Kindes wegweisend für ihre pädagogischen Überzeugungen wurde:

„Hilf mir es selbst zu tun!“

Mit Blick auf die Entwicklungspsychologie zeigen sich zwei Hauptpfeiler der kindlichen Entwicklung:

Betrachtet man den gesellschaftlichen Wandel vom 18. Jh. bis heute, hat sich vieles verändert und die Gesellschaft stellt an das heranwachsende Kind viele Herausforderungen. Deutlich wird, dass sich vor diesem Hintergrund auch die pädagogischen Konzepte verändern müssen, um diesen Herausforderungen immer wieder gerecht zu werden. Die Offene Pädagogik ist damit eine Antwort auf die sich wandelnde Gesellschaft um den Herausforderungen, die diese an das heranwachsende Kind stellt, schon in der Kita gerecht zu werden.



Offene Pädagogik bietet den Kindern nach den Erkenntnissen der Hirnforschung die optimale Lernvoraussetzung für ihre individuelle Entwicklung

Die Forschung hat in den letzten Jahren viele neue Erkenntnisse gebracht, die einen eindeutigen Zusammenhang zwischen gelingendem Aufwachsen und Offener Arbeit hergestellt haben. Gerald Hüther (Hirnforscher) versucht ebenfalls seit Jahren zu beschreiben, was Kinder für ein gesundes Aufwachsen bzw. zum Wohlfühlen brauchen, um sich gut entwickeln zu können. Hüther sagt u.a., dass Verbundenheit und Autonomie als Grundbedürfnisse von uns Menschen zum Gelingen guter Bildungsprozesse existenziell sind (vgl. Hüther 2013). D.h. Kinder müssen sich geborgen und dazugehörig fühlen, sie müssen spüren, dass sie so wie sie sind, richtig sind.

Diese verkürzt dargestellten Punkte sind wesentlich:

Voraussetzung ist der Respekt gegenüber jedem Kind und die Wertschätzung von Vielfalt als Normalität.

Die Offene Pädagogik unterstützt die Zunahme entscheidender Kompetenzen wie: Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit, Eigeninitiative und Eigenverantwortung, Einfühlungsvermögen und sozial orientiertes Verantwortungsbewusstsein.



Das Bild vom Kind

Dem Konzept der Offenen Pädagogik liegt ein Bild vom Kind als Akteur seiner Entwicklung zugrunde. Maria Montessori formuliert: „Das Kind ist Baumeister seiner selbst!“

Werden dem Kind seine Freiräume gelassen, diesen individuellen Entwicklungsweg zu gehen, wird deutlich, dass es sich neugierig und motiviert mit den Themen beschäftigt, an denen es interessiert ist. Dadurch steigern sich Begeisterung, Spielfreude und Engagement. Konzentration und Ausdauer erhöhen sich.



Rechte der Kinder

Weiterhin müssen Rechte von Kindern gewahrt werden, die nicht erst durch das Bundeskinderschutzgesetz in den Fokus des Kitaalltags gerückt sind, sondern bereits durch die UN-Kinderrechtskonvention und das Sozialgesetzbuch VIII. Pädagog*innen in den Kitas sind Verantwortungsträger*innen und verpflichtet, diese Rechte von Kindern in ihrem Alltag zu wahren und somit ausdrücklich auch Raum für Beteiligung und Beschwerde zu bieten. Das Konzept der Offenen Pädagogik ist ein Partizipationskonzept – Kinder und Erwachsene sind aktive Gestalter ihrer Umwelt.



Praktische Umsetzung der Offenen Pädagogik in unseren Kitas

Erfahrungsbereiche

Kinder benötigen eine vorbereitete Umgebung mit gut durchdachten, strukturierten und anregenden Funktionsbereichen (u.a. Bau- und Konstruktionsbereich, Rollenspiel-/Theater-/Musikbereich, Atelier, Ruhe- und Schlafraum, Restaurant, Außengelände, Mehrzweckraum für Bewegung) sowie entsprechend der Interessen und Bedürfnissen der Kinder ausgewählte Spiel- und Beschäftigungsmaterialien. Sollte es erforderlich sein, den Kindern in einem Raum zwei Funktionsbereiche anzubieten, so sind diese sinnvoll aufeinander abgestimmt. Während des Kitaalltages bewegen sich die Kinder frei in der Einrichtung und wählen ihre Aktivitäten je nach ihren individuellen und aktuellen Bedürfnissen. Dabei agieren die Pädagog*innen als Entwicklungsbegleiter*innen der Kinder und orientieren sich an den Stärken und Ressourcen der Kinder.

Die pädagogischen Mitarbeiter*innen tragen die Verantwortung für einen definierten Erfahrungsbereich. Je nach Vereinbarung im jeweiligen Haus, wechselt diese Zuständigkeit in einem im Team abgestimmten Rhythmus. Durch diese Rotation und die Begleitung aller Kinder der Einrichtung ergibt sich ein neues Selbstverständnis: von meinen Kindern, meiner Gruppe, meinen Räumen hin zur gemeinsamen Verantwortung für alle Kinder, für die gesamte Einrichtung.

Kinder unter drei Jahre

Für die Kinder unter drei Jahren gibt es einen separaten U3-Bereich, der die verschiedenen Bildungsbereiche vorhält, um einen geschützten Rahmen für diese Altersgruppe vorzuhalten.

Eingewöhnung

Für die Zeit der Eingewöhnung kann die Gestaltung der Erfahrungs- und Erfahrungsnebenräume den Bedürfnissen und Interessen der Kinder in der sensiblen Zeit des „Ankommens“ angepasst sein. Demnach können beispielsweise Materialien aus dem „Bau- und Konstruktionsbereich“ den Kindern im Erfahrungsbereich „Atelier“ angeboten werden. Damit stellen wir sicher, dass die Kinder, die noch nicht alle Funktionsbereiche nutzen möchten, ihren Bedürfnissen entsprechende Impulse erhalten.

Stammgruppen

Auch in der Offenen Pädagogik können die Kinder Stammgruppen zugeordnet sein. Dies bedeutet, dass die Kinder morgens in die Kita gebracht werden und je nach ihrem Bedürfnis und Interesse in ihrer Stammgruppe ankommen können. Von dort aus können sie den nächsten Erfahrungsraum wählen.

Rezeption/Anmeldung

Je nach Kita ist auch eine Rezeption/Anmeldung Bestandteil des Konzeptes. Dort wird die Anwesenheit der Kinder erfasst und organisatorische Belange (beispielsweise Besonderheiten zur Abholsituation, Elternbriefe, etc.) zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften ausgetauscht und abgesprochen. Somit können sich die Mitarbeiter*innen in den Erfahrungsbereichen auf das Ankommen des Kindes und die Begrüßung von Kindern und Eltern fokussieren.

Auch nachmittags muss die Anwesenheit der Kinder nachvollziehbar sein. Die Rezeption/Anmeldung kann dafür genutzt werden, die abgeholten Kinder zu erfassen und, wie in der Bringsituation, Besonderheiten mit den Eltern abzusprechen.

Kinderrestaurant

In jeder Kita befindet sich ein definierter Raum/Bereich, der für die Mahlzeiten (Frühstück und Mittagessen) vorgehalten wird und entsprechend gestaltet und ausgestattet ist.

Das Frühstück findet während eines definierten Zeitraumes statt. Die Kinder können in diesem Zeitraum entsprechend ihres Bedürfnisses den Zeitpunkt des Frühstückens wählen. Die Fachkräfte können anhand eines Systems nachhalten, welches Kind bereits gefrühstückt hat.

Auch beim Mittagessen sollen die Kinder größtmögliche Flexibilität vorfinden und entsprechend ihres Rhythmus das Mittagessen einnehmen können. Dies kann dadurch gewährleistet werden, dass die Kinder – wie auch beim Frühstück – gleitend zu Mittag essen oder dadurch, dass das Mittagessen zu unterschiedlichen Zeiten angeboten wird und die Kinder täglich neu entscheiden können, zu welcher Zeit sie essen. Kinder, die bereits zu Mittag gegessen haben, finden in den Erfahrungsbereichen Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten vor. Die Fachkräfte stellen sicher, dass alle Kinder die Möglichkeit zum Essen wahrnehmen.

Kinderrat

In unseren Kitas wählen die Kinder einen Kinderrat, der für einen bestimmten Zeitraum bis zur Neuwahl besteht und sich regemäßig trifft, um aktuelle Themen, Regeln, Projekte und Probleme zu behandeln. Inhalte werden besprochen, abgestimmt und Lösungen gesucht. Der Kinderrat wird durch eine pädagogische Kraft begleitet.

Impulse/ Projektarbeit

Die Mitarbeiter*innen bieten den Kindern, aufgrund ihrer Beobachtungen in der pädagogischen Praxis, Impulse an. Dazu wird der Raum/ Bereich mit entsprechenden Materialien vorbereitet. Die Kinder werden so zur Beschäftigung angeregt und lernen somit neue Materialien kennen.

Projekte bilden einen weiteren Schwerpunkt der Pädagogik. Diese können sich aus einem Impuls heraus ergeben. In Begleitung von einer Mitarbeiter*in beschäftigen sich die Kinder über einen längeren Zeitpunkt mit einer für sie interessanten Thematik. Die Kinder entwickeln durch Projekte ihre Fähigkeiten in den verschiedenen Bildungsbereichen weiter. Gemeinsam mit ihnen wird ein Projektplan erstellt, die Durchführung gestaltet, Ergebnisse präsentiert sowie reflektiert und ausgewertet.



Die Öffnung der Pädagogik ist ein stetiger Prozess und ist in der Umsetzung geprägt durch die Individualität eines jeden Hauses. Wir sehen auch hier Vielfalt als Bereicherung.